Über die Laupheimer Ortsrendite und das Abitur als „berechtigtes“ Privileg

Gesellschaftswissenschaften

Sozialethiker Matthias Möhring Hesse referiert am CLG auf Einladung des Wirtschaftskurses und der VHS Laupheim über soziale Ungleichheit.

Sozialethiker Matthias Möhring Hesse referiert am CLG
Professor Matthias Möhring-Hesse am Carl-Laemmle-Gymnasium

„Den habe ich mir ganz anders vorgestellt“, wunderten sich einige Schülerinnen nach dem Vortrag von Professor Matthias Möhring-Hesse am Carl-Laemmle-Gymnasium. Mit seiner zugänglichen und humorvollen Art hatte der Referent sein Publikum, das aus ca. 60 Schülern, Lehrern, Eltern und Gästen der VHS bestand, schnell für sich eingenommen. Er hat uns ein komplexes Thema leicht und verständlich erklärt, zeigte sich ein Schüler beeindruckt. Besonders ungewöhnlich für die Schüler war, dass der katholische Sozialethiker aus Tübingen seinen Vortrag völlig frei und ohne irgendeine visuelle Komponente hielt.

Nachdem die Schüler des Wirtschaftskurses der Kursstufe 1 ihren Gast vorgestellt hatten, leitete dieser seine Ausführungen mit einigen grundsätzlichen Überlegungen zu Ungleichheit ein. Soziologisch betrachtet handele es sich um ein System gleichzeitiger Begünstigung und Benachteiligung: Die einen erhalten Güter, die anderen eben nicht. Dieses soziale System stehe aber natürlich unter einem enormen Rechtfertigungszwang. Wie lässt es sich gegenüber denen rechtfertigen, die weniger haben? Zentrales Kriterium gleichzeitiger Begünstigung und Benachteiligung ist die Frage nach der Gerechtigkeit. Aber manche Ungleichheiten meinen wir einfach rechtfertigen zu können. „Sie halten schließlich auch nicht jede Ungleichheit für ungerecht“, forderte der Sozialethiker sein Publikum heraus, „ich wette Sie haben keine Probleme damit, dass sie mit dem Abitur im Gegensatz zu anderen Altersgenossen die Berechtigung für 5 Jahre privilegiertes Leben an einer Uni erhalten.“

Auch auf der Ebene der Weltwirtschaft zeige sich dieses System gleichzeitiger Begünstigung und Benachteiligung. Interessant ist die Frage wer von der Globalisierung der letzten 30 Jahre profitiert habe. Mit Bezug auf den Ökonomen Milanovic erläuterte Möhring-Hesse, wie sich die Ortsrendite weltweit verändert habe. Unter Ortsrendite ist der zufällig zugeteilte Ort gemeint, in den man hineingeboren wird. Verbessert habe sich diese für die Armen in den asiatischen Ländern, gleich schlecht blieb sie vor allem für Afrika und eine Verschlechterung ist für die Mittelschichtsangehörigen in den Industrieländern festzustellen. Gleichzeitig hat im selben Zeitraum das reichste Prozent der Weltbevölkerung seinen Reichtum vervielfacht. „Wir haben es zunehmend mit länderübergreifenden Ungleichheitsverhältnissen zu tun“, konstatierte der Sozialethiker diese Veränderungen, die Folgen hätten. Migration hält er für eine „bleibende Reaktion auf die Zufälligkeit des Geburtsortes“, während der aufkommende Rechtspopulismus in Europa ein Ausdruck des Niedergangs der Mittelschichten sei, die versuchten, ihre Privilegien gegen Zuwanderer zu verteidigen.

Das Ausmaß an sozialer Ungleichheit hat also ein für die ganze Gesellschaft bedrohliches Ausmaß angenommen, das nicht mehr zu rechtfertigen sei. Was man dagegen konkret tun könne, wollten die Schüler im Anschluss an den Vortrag wissen. Der Tübinger Sozialethiker schlägt vor allem ein Instrument vor: „Einige von ihnen werden von ihren Eltern mehrere Häuser erben oder Appartements in attraktiven Universitätsstädten geschenkt bekommen, während andere in ihren Mietswohnungen sitzen.“ An einer wirksamen Erbschaftssteuer führe für ihn deshalb kein Weg vorbei, wenn man dieser Entwicklung wirklich etwas entgegensetzen wolle. Nach einigen weiteren anregenden Beiträgen und Debatten zum aktuellen Streit über die „Tafeln“ und dem bedingungslosen Grundeinkommen wurde der Gast aus Tübingen mit großem Applaus aus dem CLG verabschiedet.